Öffentlicher Vortrag am Department für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz bei kostenfreiem Eintritt. Eine Online-Hybrid-Teilnahme ist möglich.

„Individuelle Verflechtungen zwischen physischem und emotionalem Schmerz“
Vortrag mit Sarah Günther-von Jan am 26.01.2023, 18:30 Uhr

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Im Vortrag sollen einzelne Patient*innen mit chronischen Schmerzen und Traumata bzw. belastenden Lebensereignissen (mit deren Einverständnis) vorgestellt werden. Dabei soll auf die klinische Diagnostik, die biographische Anamnese sowie die Auswertung der Tagebücher sowie der Interviews eingegangen werden, schließlich auf Ableitungen im Hinblick auf die individuelle Therapieplanung.

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Physische und emotionale Schmerzen interagieren beim einzelnen Individuum auf unterschiedliche Weisen: Einerseits beeinflussen psychische und soziale Faktoren das (physische) Schmerzerleben. Andererseits kann eine subjektive Schmerzerfahrung sogar ganz ohne physischen Reiz ausgelöst werden, wie die Forschung zu sozialen und psychischen Schmerzen zeigt. Soziale Schmerzen (z.B. Ausgrenzung) produzieren in fMRT-Studien ähnliche neuronale Aktivierungsmuster im Gehirn wie physische Schmerzen (Eisenberger et al., 2003[1]).

Zusammenhänge zeigen sich nicht nur hinsichtlich aktueller physischer bzw. emotionaler Schmerzerfahrungen, sondern auch zwischen lebensgeschichtlichen Erfahrungen und aktuellen Schmerzen:

Es ist bekannt, dass Menschen mit chronischen Schmerzen häufig von traumatischen Erlebnissen in ihrer Biographie berichten (siehe z.B. Liedl & Knaevelsrud, 2008[2]). Es besteht eine hohe Komorbidität zwischen chronischem Schmerz (Schmerzen, die je nach Definition mehr als 3 bzw. mehr als 6 Monate andauern) sowie Posttraumatischen Belastungssymptomen. Zur Erklärung wurden verschiedene Theorien aufgestellt (z.B. shared vulnerability, mutual maintenance theory, anxiety sensitivity), zum Überblick siehe Riffer et al. 2018[3]; auch wurden verschiedene biologische Mechanismen erforscht, die das häufige gleichzeitige Auftreten erklären sollen. Hauptergebnis dieser Forschungen ist, dass frühe traumatische Erlebnisse (insbesondere bei interpersonellen Traumata) mit einer hohen, chronischen Stressbelastung einhergehen, welche wiederum zu biologischen Veränderungen in jenen Systemen führt, die für Stressverarbeitung zuständig sind.

Sturgeon und Zautra, 2016[4] entwickelten ein Modell zur wechselseitigen Beeinflussung biographischer  sowie aktueller physischer und sozialer Schmerzen.

Gemäß dieses Modells interagieren physische und soziale Schmerzen auf verschiedenen Ebenen: Der neuronalen Ebene, der Ebene der Gefühle, Gedanken, Verhaltensmuster und sozialen Beziehungen. Dabei wird angenommen, dass sowohl die Geschichte physischen Schmerzes als auch die Geschichte sozialen Schmerzes sich auf das aktuelle physische wie soziale Schmerzempfinden auswirkt.

Vorgestellt werden soll in diesem Vortrag eine idiographisch basierte Studie, in die 20 Patienten*innen mit chronischen Schmerzen eingeschlossen wurden. Methodisch wurde ein Tagebuch eingesetzt zur Erfassung täglicher physischer Schmerzen sowie sozialem und psychischem Erleben und explorative Interviews zu biographischen Erfahrungen. Über Zeitreihenanalysen (Auswertung Tagebuch) sowie qualitative Analysen des Interviews sollten aktuelle sowie lebensgeschichtliche Verzahnungen zwischen sozialen und psychischen Erfahrungen einerseits und physischen Schmerzen andererseits auf individueller Ebene genauer untersucht werden.

Zielsetzung hierbei war nicht ein (erklärendes) Ableiten allgemeingültiger Regeln oder Gesetzmäßigkeiten, sondern der Versuch des besseren Verstehens der individuellen Zusammenhänge beim Einzelnen.

Idee war es, auf der Basis des Verstehens der besonderen Zusammenhänge bei einzelnen Patient*innen, deren eigener Welt- und Selbstsicht und ihren Erklärungen ihrer Symptomatik, ihrer Ziele und Wünsche, und ihrer davon beeinflussten Schmerzwahrnehmung individualisierte Therapieplanungen vorzunehmen.

Im Vortrag sollen einzelne Patient*innen mit chronischen Schmerzen und Traumata bzw. belastenden Lebensereignissen (mit deren Einverständnis) vorgestellt werden. Dabei soll auf die klinische Diagnostik, die biographische Anamnese sowie die Auswertung der Tagebücher sowie der Interviews eingegangen werden, schließlich auf Ableitungen im Hinblick auf die individuelle Therapieplanung.


[1] Eisenberger NI, Lieberman MD, Williams KD: Does rejection hurt? An FMRI study of social exclusion. Science (New York, NY). 2003; 302 (5643): 290–2.
[2] Liedl, A. & Knaevelsrud, C. (2008), PTBS und chronische Schmerzen: Entstehung, Aufrechterhaltung und Zusammenhang – Ein Überblick in: Schmerz 2008 · 22:644–651
[3] Riffer, F., Sprung, M., Kaiser, E. & Streibl, L.E. (2018): Trauma und Schmerz. In: Das Fremde: Flucht – Trauma – Resilienz, Aktuelle traumaspezifische Konzepte in der Psychosomatik, S. 35-40.
[4] Sturgeon, J.A. & Zautra, A.J. (2016), Social pain and physical pain: shared paths to resilience in: Pain Management, 2016;6(1):63-74.

Über die Vortragende

Sarah Günther-von Jan, geboren 1980 in Frankfurt/ Main, hat nach dem Abitur ein Soziales Jahr in Guatemala absolviert und dort u.a. in einem Indigena-Projekt mitgearbeitet. Anschließend Psychologie-Studium in Trier, danach Psychotherapieweiterbildung in Heidelberg. Anschließend Berufstätigkeit (in stationärer und ambulanter Patientenversorgung), daneben seit 2007 aussage- und familienpsychologische rechtspsychologische Gutachtertätigkeit. In 2015 Abschluss der berufsbegleitenden Weiterbildung zur Fachpsychologin für Rechtspsychologie. In 2012/2013 Mitarbeit in traumatherapeutisch orientiertem Forschungsprojekt an der KU Eichstätt-Ingolstadt. In 2013 und 2015 Geburt zweier Söhne, seit 2012 mit Mann und nun den Kindern in einem kleinen Weiler in Hirnsberg (zwischen Ingolstadt und München) lebend. Seit Herbst 2020 in Doktoratsstudiengang Psychotherapiewissenschaften eingeschrieben, aktuell im 5. Semester. Derzeit tätig als approbierte Psychotherapeutin in eigener Praxis und als Rechtspsychologische Sachverständige.

Wir freuen uns auf einen interessanten Abend!

Sigmund Freud PrivatUniversität Linz
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